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Katholischer Bund mit evangelischer Referentin wird 100

Verantwortlicher Autor: Jochen Raffelberg Köln, 16.04.2019, 18:53 Uhr
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Köln [ENA] Der katholische Bund Neudeutschland (ND) feiert sein 100-jähriges Bestehen mit einem Jubiläumskongress in Köln, der Themen wie Populismus und Europawahl, Geschlechtergerechtigkeit, nachhaltige Entwicklung, zivile Sicherheitspolitik, künstliche Intelligenz und neue Glaubensdimensionen debattieren will. Rund 900 Teilnehmer haben sich laut erzbischöflicher Kurie zu der Ostermontag beginnenden Kongresswoche angemeldet.

Der ND wurde 1919 auf Initiative des Jesuitenpaters Ludwig Esch vom Kölner Kardinal Felix von Hartmann als Verband katholischer Schüler an höheren Lehranstalten gegründet, der die außerschulische kirchliche Betreuung der Gymnasiasten zum Ziel hatte. Ein Jahr nach den schockierenden Erfahrungen des Ersten Weltkriegs wollte die Organisation eigenen Angaben zufolge mithelfen, Deutschland aus einem freien Geist heraus neu zu gestalten. 1939 wurde der ND verboten. Einige Mitglieder leisteten jedoch aktiven Widerstand gegen das Naziregime. Dazu gehörten Willi Graf, der an Aktionen der Weißen Rose beteiligt war, und Pater Alfred Delp SJ, der wegen seiner Mitarbeit im Kreisauer Kreis hingerichtet wurde.

Heute versteht sich der Elitebund als katholischer Bildungsverband unter dem Motto "Christsein.Heute", dessen Kölner Kongress vom 22. bis 27. April die Ausrichtung des ND nachzeichnen und heisse Zeitthemen aufgreifen will. Zu den Referenten zählen der Jesuitenpater Klaus Mertes, der 2010 als ehemaliger Leiter des Berliner Canisius-Kollegs Fälle von Missbrauch an der Schule öffentlich gemacht und zahlreiche neue Erkenntnisse über Missbrauchstaten in Kirche und Gesellschaft zutage gefördert hatte. Mertes wird vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen darüber sprechen, wie er den ND als Ort der Kirche erlebt hat und was das für seinen Blick auf die Kirche bedeutet.

Auch die Professoren Bernhard Vogel, einst Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen; Klaus Töpfer, früher CDU-Bundesminister und Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP); Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken sowie der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff werden Vorträge halten. Schockenhoff hatte die deutschen Bischöfen kürzlich aufgefordert, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften vorbehaltlos anzuerkennen und darauf zu verzichten, die in ihnen gelebte sexuelle Praxis moralisch zu disqualifizieren. Ebenso sollte die Kirche einräumen, dass es Menschen gäbe, die sich nicht dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen könnten.

Die bevorstehenden Europawahlen nehmen ebenfalls breiten Raum in der Diskussion ein, insbesondere die Frage, welcher Geist das Klima in Europa bestimmen könne und solle sowie Perspektiven der Auseinandersetzung mit dem Populismus, da populistische Bewegungen/Parteien zu einem Faktor der gesellschaftlichen Lage geworden seien. Sie reagierten auf Ängste und Verunsicherungen in der Gesellschaft auf eine Weise, die die Grundlagen der politischen Kultur und das System der repräsentativen Demokratie in Frage stellten und die politische Kultur und das soziale Klima gefährdeten. Erst kürzlich hatte sich der ND von einer namensgleichen Gründung der AfD scharf abgegrenzt.

Ob die Kirche umkehrbereit sei, soll am Beispiel der Geschlechtergerechtigkeit erörtert werden. Kern ist laut Programm die Frage nach dem Freiheits- und Bindungsverhältnis zwischen kirchlicher Tradition und gegenwärtiger Pastoral, verbunden mit der lehramtlich strafbelasteten Frage nach der Gendergerechtigkeit im sakramentalen Leitungsamt der Kirche. Der Kongress will zudem die Bedeutung neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Entwicklungen für den christlichen Glauben und seine Umsetzung herausarbeiten. In kaum einem Bereich werde so deutlich, dass ‘Christsein heute’ nicht nur neue Lebensgestaltung, sondern Beschäftigung mit neuen Dimensionen des Glaubens erfordere, erklären die Veranstalter.

Dem ND ist auch die Ökumene ein wichtiges Anliegen. Der Bund nennt als Teil der ND-Leitung die evangelische Pastorin Birgit Lunde als Referentin für Ökumene. Auf seiner website heisst es: “Wir sind bereit, uns zu verändern. Und wir glauben fest an die Verwandlung der katholischen Kirche zur großen ökumenischen und geschwisterlichen Gemeinschaft der Christen.” Ein weiterer Arbeitskreis befasst sich mit einer “neuen Weltverfassung” unter dezentraler bundesstaatlicher Gliederung. Andere Foren widmen sich nachhaltiger Entwicklung und ziviler Sicherheitspolitik. Am 26. April, dem ND-Jubiläumstag, zelebriert der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper einen feierlichen Gottesdienst im Kölner Dom, dem sich ein Festakt im Gürzenich anschliesst.

Prominente ND-Mitglieder sind oder waren die CDU-Politiker Rainer Barzel, Hans Filbinger, Hans Katzer, Franz Meyers, Bernhard Vogel, Klaus Toepfer und Horst Teltschik sowie die Publizisten Hans Heigert, Karl Holzammer und Otto B. Roegele; die Kardinäle Reinhard Marx und Rainer Maria Woelki; der Entertainer Jürgen von der Lippe und der Jagdflieger und Ritterkreuzträger Werner Mölders.

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