Sonntag, 21.04.2024 17:40 Uhr

Santa Rita in Cartagena

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Cartagena, 28.02.2024, 15:00 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 4852x gelesen
Blick vom Berg de la Popa auf Cartagena
Blick vom Berg de la Popa auf Cartagena  Bild: Kurt Lehberger

Cartagena [ENA] Der Blick vom Berg El Cerro de La Popa zeigt die riesige Ausdehnung der Stadt Cartagena an der Pazifikküste von Kolumbien. Die Bucht von Cartagena ist mit dem Pazifik und dem karibischen Meer durch Flüsse und Lagunen verbunden. Wir fahren vom Berg La Popa weiter in das Viertel Santa Rita.

Hier leben afro-kolumbianische Bevölkerungsgruppen und viele Flüchtlinge aus Venezuela. Aus Sicherheitsgründen werden wir von zwei Polizisten auf dem Motorrad eskortiert. In dieses Viertel fährt kein Bus, kein Taxi. Es gilt als unsicheres Gebiet. Die Bewohner fahren mit privaten Motorrädern in das Viertel. Das Viertel wird „Cerro Fresco“ - der kühle Berg -genannt. Fernanda (Name geändert) hat den Verein „Mesa por la defensa territorial del cerro de la Popa” – Runder Tisch zur Verteidigung des Gebietes des Berges de la Popa - gegründet. Wir können mit den drei weiblichen Fachkräften für die Sozialarbeit und für die psychologische Beratung sprechen.

Sie führen verschiedene Aktivitäten mit Kindern und Jugendlichen, die hier im Viertel Santa Rita wohnen, in deren Freizeit, also außerschulisch, durch. Früher gab es hier keinen sicheren Ort, kein Raum zum Spielen für Kinder. Heute gibt es sichere Orte für die Kinder. Das Vereinshaus ist ein Beispiel. Hier im Haus und im Innenhof sind die Kinder sicher. Hier werden Workshops und Aktivitäten wie Sport, Spiel, Malen, Basteln und Kunsthandwerk durchgeführt. Die Kinder haben die Schönheit ihres Viertels erfahren und schützen den Ort gemeinsam und mit Unterstützung der engagierten Einwohner des Viertels.

Sie organisieren Umweltschutzaktionen und schaffen sich sichere Räume im Viertel. Probleme werden angesprochen und eine Lösung wird zusammen mit den Betreuer*innen des Vereins gesucht. Sie vernetzen sich mit anderen Kindern aus der Nachbarschaft und geben ihre Erfahrungen an sie weiter. Die Kinder des Viertels besuchen Workshops, in denen sie beispielsweise Malen lernen oder sich über Umweltschutz und Sicherheit informieren können. Zum Thema Sicherheit haben sie einen Plan ausgearbeitet, wie sie sich im Falle einer Bedrohung oder eines Vorfalls verhalten sollen. Es gibt eine Liste mit Vertrauenspersonen, an die sie sich wenden können.

Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit im Viertel wurden gemeinsam durchgeführt, beispielsweise wurden Pflanzen so zugeschnitten, dass sie sich nicht mehr für Verstecke für Diebe und Gewalttäter eignen. Eine Gruppe von Mädchen zwischen 8 und 17 Jahren haben sich zusammengeschlossen und sich den Namen „Mädchen ohne Angst – Mädchen mit eigener Stimme“ gegeben. Sie haben sich die Arten der Gewalt näher angeschaut und Strategien entwickelt, die Risiken zu minimieren. Über die Gewalt zu sprechen, sich Hilfe von den Vertrauensfrauen zu holen und die Probleme zu artikulieren, hat ihnen sehr geholfen. Sie geben ihre Erfahrungen an andere Kinder und Frauen weiter und bauen so ein Netzwerk auf.

Es gibt auch eine Gruppe mit Kindern alleinerziehender Mütter, die Handarbeiten gemeinsam durchführen und über ihre Probleme sprechen. Sie betreuen die Kinder, wenn die Mütter wichtige Termine wahrnehmen müssen. Studenten*innen von Schulen und Universitäten sind ebenso im Verein engagiert. Regelmäßige Treffen und selbstorganisierte Aktionen zum Umweltschutz wie Mülleinsammeln und Aktionen zur Sicherheit wie Schutzräume schaffen, finden statt. Jede Woche bietet der Verein einen Workshop zum Thema Gewalt gegen Frauen in Kooperation mit Funsarep, einer Kinderrechtsorganisation in Cartagena, an. Die Risiken der Drogen, des Drogenhandels und der Prostitution werden angesprochen. Die Mädchen „lernen NEIN zu sagen“.

Die Sicherheit hat sich durch die getroffenen Maßnahmen und durch die Vernetzung der Bewohner des Viertels, soweit erhöht, dass sich heute die Kinder im Viertel zu Fuß bewegen können und z.B. ohne Begleitung von Erwachsenen in die Schule gehen können. Wir fahren weiter zum Markt Santa Rita. Der Markt hat eine bewegende Geschichte. Die Ladenbesitzer*innen und Verkäufer*innen betreiben ihr Geschäft in festen Ständen. Sie sind alle Selbstständige. Funsarep unterstützt sie bei der Durchsetzung und Verteidigung ihres Marktes. Viele Märkte wurden in den letzten Jahrzehnten geschlossen, da sie nicht in das touristische Bild passten.

Durch den Kampf der Bewohner von Santa Rita um ihren Markt seit seit 2006 wurde in 2010 ein hoher Geldbetrag von der Regierung zu einem Neubau zur Verfügung gestellt. Der Markt ist wichtig, da hier im Viertel sehr viele armen Menschen wohnen. Sie kommen hier zusammen, kaufen ein, diskutieren und schließen neue Kontakte. Wir sprechen mit einigen Verkäuferinnen und spüren den Spirit von Kampf und Solidarität.

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